
Verspätungen, Diskussionen über Infrastruktur und steigende Anforderungen an nachhaltige Mobilität prägen heute häufig die Wahrnehmung der Bahn. Umso überraschender wirkt ein Blick in die Vergangenheit: Bereits vor über 90 Jahren fuhr ein Zug auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg schneller als viele Verbindungen heute.
Rund 30.000 Menschen fahren täglich auf der Bahnstrecke zwischen Berlin und Hamburg. Heute benötigt der ICE der Deutschen Bahn etwa 146 Minuten für die Strecke, doch vor mehr als 90 Jahren, im Jahr 1933, wurde diese Verbindung um erstaunliche acht Minuten schneller zurückgelegt. Der Grund dafür war eine bahnbrechende technische Innovation aus dem Hause Maybach: der GO 5 Dieselmotor. Er war nicht nur einer der leistungsstärksten Motoren seiner Zeit, sondern ermöglichte es der damaligen Deutschen Reichsbahn, einen der ersten Fernschnellzüge der Welt auf die Schiene zu bringen. Dieser Zug wurde unter dem Spitznamen „Der Fliegende Hamburger“ bekannt und erlangte durch seine Geschwindigkeit und modernes Design große Berühmtheit. Doch wie kam es zu dieser technischen Meisterleistung? Welche Herausforderungen mussten gemeistert werden, um dieses innovative Verkehrsmittel zu entwickeln?
Die Anfänge der Dieseltechnologie im Eisenbahnverkehr
Die Geschichte der deutschen Diesellokomotiven und ‑triebwagen begann bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Die Maybach-Motorenbau GmbH aus Friedrichshafen stand damals vor der Herausforderung, ihre bestehenden Ressourcen nach dem Ende des Krieges neu auszurichten. Aufgrund der Beschränkungen durch die alliierten Rüstungsauflagen musste sich Maybach neue Märkte erschließen, vor allem in der zivilen Fahrzeugtechnik. Ab 1919 begann das Unternehmen, sich mit der Entwicklung von Dieselmotoren für den Eisenbahnverkehr zu befassen.
Maybach lieferte 1924 den ersten funktionstüchtigen Dieselmotor für Eisenbahnfahrzeuge an die Eisenbahn-Verkehrsmittel AG in Berlin. Der Motor, der unter der Bezeichnung G4a bekannt wurde, war ein Meilenstein in der Entwicklung von Dieseltriebwagen. Als Vorläufer der späteren Diesellokomotiven revolutionierte er den Schienenverkehr und leitete das Ende der Ära der Dampflokomotiven ein, die über ein Jahrhundert lang das Rückgrat des deutschen Eisenbahnnetzes bildeten. Diese Entwicklung war jedoch nur der Anfang, denn bereits in den 1920er Jahren geriet die Deutsche Reichsbahn zunehmend unter Druck, ihre Geschwindigkeit und Effizienz zu steigern. Der Wettbewerb mit anderen Verkehrsmitteln wie dem Auto und dem Flugzeug nahm zu, und die Menschen verlangten zunehmend nach schnellerer Mobilität. Auch heute zeigt sich eine ähnliche Entwicklung: Steigende Kosten für Individualverkehr und Flugreisen machen die Bahn erneut zu einer attraktiven Alternative.
Der „Fliegende Hamburger“ – Technik und Design
Die Reichsbahn entschloss sich deshalb, die Reisezeiten auf vielbefahrenen Strecken wie der zwischen Berlin und Hamburg zu verkürzen. Um dies zu erreichen, beauftragte sie im Jahr 1930 Maybach mit der Entwicklung eines leistungsstarken Dieseltriebwagens, der mit über 800 PS ausgestattet werden sollte, um Geschwindigkeiten von bis zu 150 km/h zu ermöglichen. Dies war zu dieser Zeit ein ambitioniertes Ziel, das nur mit einer innovativen Motorentechnologie erreicht werden konnte.
Der GO 5 Dieselmotor von Maybach erfüllte diese herausfordernden Anforderungen. Mit seiner außergewöhnlichen Leistung von 1.200 PS in zwei Motoren pro Triebwagen übertraf der „Fliegende Hamburger“ alle Erwartungen. Während einer Erprobungsfahrt zwischen Friedrichshafen und Ulm (Baden-Württemberg) konnte der Triebwagen eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h erreichen, was die ursprünglichen Zielvorgaben deutlich übertraf.
Für den Bau des Zuges wurde die Waggon- und Maschinenbau AG in Görlitz (Sachsen) beauftragt. Der Triebwagen erhielt eine modern gestaltete Kopfform, die den Prinzipien der Stromlinienform folgte, die zu dieser Zeit immer wichtiger wurde, um den Luftwiderstand zu minimieren und höhere Geschwindigkeiten zu erreichen. Die aerodynamische Form des Fahrzeugs wurde daher eingehend im Windkanal getestet, um die bestmögliche Leistung zu erzielen. Das Design war nicht nur funktional, sondern auch ein ästhetisches Meisterwerk, das die damalige Vision von fortschrittlicher Mobilität widerspiegelte.

Die Geburt des „Fliegenden Hamburgers“
Der Prototyp dieses neuen Dieseltriebwagens, der die Bezeichnung SVT 877 a/b trug, wurde am 15. Mai 1933 erstmals fahrplanmäßig zwischen Berlin und Hamburg eingesetzt. Der Zug war nicht nur durch seine hohe Geschwindigkeit von 138 Minuten Fahrtzeit bemerkenswert, sondern auch durch sein modernes Design, das ihm den Spitznamen „Der Fliegende Hamburger“ einbrachte. Die Menschen staunten nicht nur über die Geschwindigkeit, sondern auch über das futuristische Aussehen des Zugs, der die Vorstellung von Reisen im 20. Jahrhundert revolutionierte.
Sobald der „Fliegende Hamburger“ auf den Bahnhöfen hielt, säumten Schaulustige die Gleise, um einen Blick auf den Schnellzug zu erhaschen. Der Zug wurde zu einer Sensation und symbolisierte den technologischen Fortschritt und das Streben nach schnellerer, effizienter Mobilität in einer Zeit des wirtschaftlichen Umbruchs.

Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit
Die fünf Fernschnellzüge der „Hamburg Bauart“, die auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg verkehrten, hielten jedoch nicht lange in der friedlichen Zeit. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden die Züge teilweise für den Truppentransport genutzt. Die Reichsbahn musste auf die sich ständig verändernde Kriegswirtschaft reagieren, und der schnelle, zivil genutzte Transport wurde vorübergehend in den Hintergrund gestellt.
Nach dem Ende des Krieges und der deutschen Teilung 1945 erlebte der „Fliegende Hamburger“ eine neue Ära, jedoch in einem anderen Kontext. Der Prototyp SVT 877 wurde bis 1957 von der Deutschen Bundesbahn in Westdeutschland eingesetzt und gilt heute als eines der technischen Highlights der deutschen Eisenbahngeschichte. Nach seiner Ausmusterung wurde der Zug im Verkehrsmuseum Nürnberg ausgestellt und ist dort ein faszinierendes Zeugnis der deutschen Ingenieurskunst.
Die übrigen Züge der Baureihe wurden 1957 der Deutschen Reichsbahn in der DDR übergeben und waren dort teilweise bis 1983 im Einsatz. Der „Fliegende Hamburger“ überdauerte in vielerlei Hinsicht den Krieg und die politischen Umbrüche, die er miterlebte, und stand als Symbol für die deutsche Ingenieurskunst. Ein Modell der Schwesterbaurreihe „SVT Köln“ wurde vor einigen Jahren von der Wilhelm und Karl Maybach Stiftung erworben und verkauft. In Leipzig steht ein Modell der Baureihe „Hamburg“ steht seit 2005 auf Gleis 24 im Leipziger Hauptbahnhof als Exponat.
Der ICE und das Erbe des „Fliegenden Hamburgers“

Erst 1997, rund 64 Jahre nach der ersten Fahrt des „Fliegenden Hamburgers“, wurde der Geschwindigkeitsrekord auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg von einem ICE unterboten – allerdings nur um sechs Minuten. Der „Fliegende Hamburger“ und seine leistungsstarken, langlebigen Maybach-Motoren haben damit einen bleibenden Einfluss auf den deutschen Schienenverkehr und sind ein eindrucksvolles Beispiel für technische Meisterleistungen, die auch Jahrzehnten später noch als Vorbilder dienen.
Die Geschichte des „Fliegenden Hamburgers“ zeigt nicht nur den technischen Fortschritt in der Automobil- und Eisenbahnindustrie der Zwischenkriegszeit, sondern auch den menschlichen Wunsch nach schnellerer, effizienter und komfortabler Mobilität.
Maybachs Innovationskraft und der Mut, neue Technologien zu entwickeln und einzusetzen, haben eine der berühmtesten Züge der Eisenbahngeschichte hervorgebracht. Auch heute noch ist der „Fliegende Hamburger“ ein Symbol für den Siegeszug der Dieselmotoren im deutschen Eisenbahnnetz und ein Paradebeispiel für Ingenieurskunst aus dem Hause Maybach.

Delays, discussions about infrastructure, and increasing demands for sustainable mobility often shape the perception of rail travel today. This makes a look back at the past all the more surprising: more than 90 years ago, a train ran between Berlin and Hamburg faster than many connections do today.
Around 30,000 people travel daily on the railway line between Berlin and Hamburg. Today, Deutsche Bahn’s InterCityExpress takes around 146 minutes to cover the route, but more than 90 years ago, in 1933, this connection was covered in an astonishing eight minutes faster. The reason for this was a groundbreaking technical innovation from Maybach: the GO 5 diesel engine. Not only was it one of the most powerful engines of its time, it also enabled the then Deutsche Reichsbahn to launch one of the world’s first long-distance express trains. This train became known by the nickname “The Flying Hamburger” and gained great fame for its speed and modern design. But how did this technical masterpiece come about? What challenges had to be overcome to develop this innovative means of transport?
The beginnings of diesel technology in rail transport
The history of German diesel locomotives and railcars began shortly after the First World War. Maybach-Motorenbau GmbH in Friedrichshafen was faced with the challenge of realigning its existing resources after the end of the war. Due to restrictions imposed by the Allied armament regulations, Maybach had to tap into new markets, especially in civil vehicle technology. In 1919, the company began to focus on the development of diesel engines for rail transport.
In 1924, Maybach delivered the first functional diesel engine for rail vehicles to Eisenbahn-Verkehrsmittel AG in Berlin. The engine, known as the G4a, was a milestone in the development of diesel railcars. As the precursor to later diesel locomotives, it revolutionized rail transport and heralded the end of the era of steam locomotives, which had been the backbone of the German railway network for over a century. However, this development was only the beginning, because as early as the 1920s, the Deutsche Reichsbahn came under increasing pressure to increase its speed and efficiency. Competition from other modes of transport such as cars and airplanes was growing, and people were increasingly demanding faster mobility. A similar development can be seen today: Rising costs for private transport and air travel are once again making rail an attractive alternative.
The “Flying Hamburger” – technology and design
The Reichsbahn therefore decided to shorten travel times on busy routes such as the one between Berlin and Hamburg. To achieve this, in 1930 it commissioned Maybach to develop a powerful diesel railcar with over 800 hp to enable speeds of up to 150 km/h. This was an ambitious goal at the time, which could only be achieved with innovative engine technology. Maybach’s GO 5 diesel engine met these challenging requirements. With its extraordinary output of 1,200 hp in two engines per railcar, the “Flying Hamburger” exceeded all expectations. During a test run between Friedrichshafen and Ulm (Baden-Württemberg), the railcar reached a top speed of 160 km/h, significantly exceeding the original targets.
Waggon- und Maschinenbau AG in Görlitz (Saxony) was commissioned to build the train. The railcar was given a modern head shape that followed the principles of streamlining, which was becoming increasingly important at the time in order to minimize air resistance and achieve higher speeds. The aerodynamic shape of the vehicle was therefore thoroughly tested in a wind tunnel to achieve the best possible performance. The design was not only functional, but also an aesthetic masterpiece that reflected the vision of advanced mobility at the time.

The birth of the “Flying Hamburger”
The prototype of this new diesel railcar, designated SVT 877 a/b, was first used on a scheduled service between Berlin and Hamburg on May 15, 1933. The train was remarkable not only for its high speed, with a journey time of 138 minutes, but also for its modern design, which earned it the nickname “The Flying Hamburger.” People were amazed not only by its speed, but also by the futuristic appearance of the train, which revolutionized the concept of travel in the 20th century.
As soon as the “Flying Hamburger” stopped at stations, onlookers lined the tracks to catch a glimpse of the express train. The train became a sensation, symbolizing technological progress and the pursuit of faster, more efficient mobility in a time of economic upheaval.

World War II and the post-war period
However, the five Hamburg-type express trains that ran between Berlin and Hamburg did not remain in service for long during the peaceful period. With the outbreak of World War II, some of the trains were used to transport troops. The Reichsbahn had to respond to the constantly changing war economy, and fast, civilian transport was temporarily put on the back burner.
After the end of the war and the division of Germany in 1945, the “Flying Hamburger” entered a new era, but in a different context. The prototype SVT 877 was used by the Deutsche Bundesbahn in West Germany until 1957 and is now considered one of the technical highlights of German railway history. After being taken out of service, the train was exhibited at the Transport Museum in Nuremberg, where it stands as a fascinating testament to German engineering.
The remaining trains in the series were handed over to the Deutsche Reichsbahn in the GDR in 1957, where some of them remained in service until 1983. In many ways, the “Flying Hamburger” survived the war and the political upheavals it witnessed, becoming a symbol of German engineering. A model of the sister series “SVT Cologne” was acquired and sold a few years ago by the Wilhelm and Karl Maybach Foundation. In Leipzig, a model of the “Hamburg” series has been on display on track 24 at Leipzig Central Station since 2005.
The InterCityExpress and the legacy of the “Flying Hamburger”

It was not until 1997, some 64 years after the “Flying Hamburger” made its first journey, that the speed record on the route between Berlin and Hamburg was broken by an InterCityExpress train – but only by six minutes. The “Flying Hamburger” and its powerful, durable Maybach engines have thus had a lasting influence on German rail transport and are an impressive example of technical masterpieces that still serve as role models decades later.
The history of the “Flying Hamburger” not only demonstrates the technical progress made in the automotive and railway industries during the interwar period, but also the human desire for faster, more efficient, and more comfortable mobility.
Maybach’s innovative strength and courage to develop and use new technologies resulted in one of the most famous trains in railway history. Even today, the “Flying Hamburger” remains a symbol of the triumph of diesel engines in the German railway network and a prime example of Maybach’s engineering expertise.
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