Reine Männersache? Weibliche Beschäftigte bei Maybach während der Weltkriege | A man’s world? Female employees at Maybach during the World Wars (Ger | Eng)

Vor der Fer­tig­macherei auf dem Gelände der Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH in Friedrichshafen lassen sich 1915 lei­t­ende Angestellte abbilden. Unter ihnen befind­et sich auch eine Frau. Foto: Fre­un­deskreis May­bach Muse­um e. V. (Inv. Nr. 2025.004)

Sag mir wo die Män­ner sind – zogen fort, der Krieg begin­nt“ sang Mar­lene Diet­rich 1962 in dem pop­ulären Antikriegslied von Pete Seeger. Sowohl im Ersten als auch im Zweit­en Weltkrieg stellte die frei­willige Mel­dung bzw. massen­hafte Ein­beru­fung von Arbeit­ern aus den Rüs­tungs­be­trieben die Indus­trie vor die große Her­aus­forderung des Fachkräfte­man­gels. Von dieser Entwick­lung war auch das ab 1912 in Friedrichshafen ansäs­sige Unternehmen Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH (LMG), welch­es ab 1918 unter dem Namen May­bach-Motoren­bau GmbH weltweite Bekan­ntheit erlangte, betroffen.

Anders als beispiel­sweise in der Tex­til- und Lebens­mit­telin­dus­trie, waren Frauen seit der Indus­triellen Rev­o­lu­tion in der Motorenin­dus­trie nur sehr ger­ing vertreten. Dort fand man sie höch­stens in schein­bar „klas­sis­chen Frauen­berufen“, beispiel­sweise als Sekretärin­nen oder Kontoristinnen.

Ein beson­ders früh­es Zeug­nis aus den Bestän­den des May­bach-Schaude­pots stellt eine Fotografie aus dem Jahr 1915 dar. Sie zeigt eine Gruppe lei­t­en­der Werk­sangestell­ter vor der soge­nan­nten Fer­tig­macherei der LMG, in deren Mitte sich eine Frau befind­et. Bis dato kann über diese Per­son nur gemut­maßt wer­den, da es auf der Orig­i­nal­fo­tografie keine näheren schriftlichen Hin­weise zu ihr gibt. Han­delt es sich um eine Sekretärin, eine Kon­toristin, oder vielle­icht auch um eine der Ehe­frauen der Abgebildeten?

Dem Unternehmen, das zum Beginn des Ersten Weltkrieges für das deutsche Mil­itär den leis­tungsstarken Höhen­mo­tor Mb IVa für den Luftschiff­bau her­stellte, fehlten immer mehr qual­i­fizierte Fachar­beit­er. Weib­liche Fab­rikar­bei­t­erin­nen waren auch schon vor Kriegsaus­bruch keine Sel­tenheit. Die Umstel­lung auf die Rüs­tungsin­dus­trie sorgte anfangs sog­ar für einen Anstieg der Arbeit­slosigkeit unter weib­lichen Arbei­t­erin­nen. Neu war jedoch, dass Frauen nun die Arbeit­splätze von qual­i­fizierten Met­al­lar­beit­ern einnahmen.

Pio­nier­ar­beit: Von der Anlern­werk­statt zur Lehrwerkstatt

Die Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH set­zte ab 1917 ver­stärkt auf weib­liche Arbei­t­erin­nen, um das Prob­lem des Fachkräfte­man­gels auszu­gle­ichen und der immer weit­erwach­senden Nach­frage nach Rüs­tungs­gütern zu begeg­nen. Hierzu wurde eine Anlern­werk­statt ein­gerichtet, um den neuen Arbei­t­erin­nen so schnell wie möglich das nötige Fach­wis­sen zu ver­mit­teln. Die Anlern­werk­statt ging der 1919 gegrün­de­ten May­bach-Lehrw­erk­statt voraus, die von Karl May­bach ins Leben gerufen wurde, um dem Fachkräfte­man­gel, der durch die hohen Ver­luste an Men­schen­leben verur­sacht wurde, ent­ge­gen­zuwirken. Eben­so wie die inno­v­a­tiv­en und leis­tungsstarken Motoren aus dem Hause May­bach, wurde auch mit der Lehrw­erk­statt Pio­niergeschichte geschrieben. Sie wurde nur wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg 1921 die erste Beruf­ss­chule Württembergs.

Um Arbei­t­erin­nen das nötige Fach­wis­sen zu ver­mit­teln, wurde 1917 in der Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH eine Anlern­werk­statt ein­gerichtet. Foto: Rolls-Royce Pow­er Sys­tems AG

Auf­nahme von Arbei­t­erin­nen bei der Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH aus dem Jahr 1917. Foto: Rolls-Royce Pow­er Sys­tems AG

Der erhöhte Rüs­tungs­be­darf während der Kriegs­jahre sorgte für einen raschen Anstieg der Arbeit­er und auch Arbei­t­erin­nen in der Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH. Waren es 1915 noch 950 Arbeit­er, war die Belegschaft ein Jahr später schon auf annäh­ernd 2.000 Arbeit­er (darunter mehr als 400 Frauen) angewach­sen. Am 10. Novem­ber 1918, dem ersten Tag nach dem Waf­fen­still­stand zwis­chen dem Deutschen Reich und den West­mächt­en, beschäftigte der May­bach-Motoren­bau rund 3.601 Angestellte und Arbeit­er, unter ihnen 763 Frauen. Damit wird deut­lich, in welch kurz­er Zeit die Beschäf­ti­gungsquote von Frauen bei May­bach anstieg, die sog­ar die heuti­gen Zahlen noch über­trifft. So lag der Anteil weib­lich­er Beschäftigter mit rund 21 Prozent zu dieser Zeit höher als beim May­bach-Nach­fol­ger Rolls-Royce Pow­er Sys­tems, der für das Jahr 2023 17 Prozent weib­liche Beschäftigte für den Gesamtkonz­ern angab.

Obwohl man sich nach dem Krieg bemühte, die mit der Beruf­stätigkeit von Frauen ein­geleit­ete Emanzi­pa­tion zurück­zunehmen, wurde die Rolle der Frau in der Gesellschaft in den 1920er Jahren grund­sät­zlich neugestal­tet. Unter dem Schlag­wort „Die Neue Frau“ nahm eine kleine Gruppe von gut aus­ge­bilde­ten und meist aus dem Großbürg­er­tum oder dem Adel stam­menden Frauen neue Frei­heit­en an, sei es durch das Beruf­sleben, oder auch die Freizeit­gestal­tung. Natür­lich blieb diese fort­geschrit­tene Emanzi­pa­tion zunächst ein Eliten­phänomen, das sich über­haupt nur einige Frauen leis­ten kon­nten. Diese Frauen waren nicht in den Fab­riken zu find­en, son­dern arbeit­eten meist als Jour­nal­istin­nen, Schrift­stel­lerin­nen oder Kün­st­lerin­nen. Der Vorstoß von Frauen in die Erwerb­stätigkeit in den 1920er Jahren wäre jedoch ohne die teil­weise Nor­mal­isierung von Fraue­nar­beit während der Kriegs­jahre nicht möglich gewe­sen. Der Lebensstil der „Neuen Frau“ wirk­te auch jen­seits der gebilde­ten Eliten. Viele Frauen ori­en­tierten sich beson­ders in modis­ch­er Hin­sicht am neuen Frauenbild.

Mit der NS-Herrschaft ab 1933 ver­schwand das Ide­al ein­er beruf­stäti­gen emanzip­ierten Frau, die nun auss­chließlich wieder Haus­frau und Mut­ter sein sollte. Bei Aus­bruch des Zweit­en Weltkriegs waren es erneut Frauen, die die Arbeit der Män­ner in der May­bach-Motoren­fab­rik über­nah­men. Ver­glichen mit dem Ersten Weltkrieg blieb die Anzahl der Arbei­t­erin­nen jedoch ver­hält­nis­mäßig ger­ing. Mit 14,9 Mil­lio­nen Erwerb­stäti­gen im Sep­tem­ber 1944 wurde der Vorkriegs­stand nur um 300.000 Frauen übertroffen.

Eine Arbei­t­erin der May­bach-Motoren­bau GmbH bedi­ent 1942 eine Rundtis­chfräs­mas­chine. Foto: Rolls-Royce Pow­er Sys­tems AG

Die Beschäf­ti­gung von Frauen bei May­bach und in anderen Indus­trie­un­ternehmen kann sicher­lich zum Teil als Beschle­u­niger für die Emanzi­pa­tion von Frauen in der Arbeitswelt gese­hen wer­den. Es blieb jedoch für eine Mehrheit der weib­lichen Bevölkerung eine „Emanzi­pa­tion auf Lei­h­ba­sis“, die mit größtem kriegs­be­d­ingtem Leid und Ent­behrun­gen ver­bun­den waren.

Auch über hun­dert Jahre später zeigt der Anteil von Frauen in tech­nis­chen Stu­di­en­fäch­ern und Berufen, dass die Emanzi­pa­tion längst nicht abgeschlossen ist. Ini­tia­tiv­en wie beispiel­sweise der Girls’ Day, an dem jedes Jahr Unternehmen Schü­lerin­nen ein­laden, um Berufe aus den Bere­ichen Handw­erk, Tech­nik, Math­e­matik, Natur­wis­senschaften, Infor­matik und Forschung ken­nen­zuler­nen, wer­den daher auch in Zukun­ft wichtig sein, um Gle­ich­berech­ti­gung umzuset­zen und gle­ichzeit­ig dem Fachkräfte­man­gel zu begegnen.




In 1915, senior exec­u­tives pose for a pho­to in front of the assem­bly plant on the premis­es of Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH in Friedrichshafen. Among them is one woman. Pho­to: Friends of the May­bach Muse­um Asso­ci­a­tion (Inv. No. 2025.004)

Where have all the young men gone – They are all in uni­form,” sang Mar­lene Diet­rich in 1962 in Pete Seeger’s pop­u­lar anti-war song. In both the First and the Sec­ond World Wars, the vol­un­tary enlist­ment and mass con­scrip­tion of work­ers from arma­ments fac­to­ries posed indus­try with the major chal­lenge of a short­age of skilled labor. This devel­op­ment also affect­ed Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH (LMG), a com­pa­ny based in Friedrichshafen since 1912, which gained world­wide renown under the name May­bach-Motoren­bau GmbH from 1918 onwards.

Unlike in the tex­tile and food indus­tries, for exam­ple, women had been very poor­ly rep­re­sent­ed in the engine indus­try since the Indus­tri­al Rev­o­lu­tion. At most, they were found in seem­ing­ly “tra­di­tion­al female occu­pa­tions,” such as sec­re­taries or clerks.

A par­tic­u­lar­ly ear­ly exam­ple from the May­bach exhi­bi­tion depot’s col­lec­tion is a pho­to­graph from 1915. It shows a group of senior fac­to­ry employ­ees in front of the LMG’s so-called Fer­tig­macherei (assem­bly plant), with a woman in the mid­dle. To date, we can only spec­u­late about this per­son, as there are no detailed writ­ten ref­er­ences to her in the orig­i­nal pho­to­graph. Was she a sec­re­tary, a clerk, or per­haps one of the wives of those pictured?

The com­pa­ny, which man­u­fac­tured the pow­er­ful Mb IVa high-alti­tude engine for air­ship con­struc­tion for the Ger­man mil­i­tary at the begin­ning of World War I, was increas­ing­ly lack­ing qual­i­fied skilled work­ers. Female fac­to­ry work­ers were not uncom­mon even before the out­break of war. The switch to the arms indus­try ini­tial­ly even led to an increase in unem­ploy­ment among female work­ers. What was new, how­ev­er, was that women were now tak­ing the jobs of skilled metalworkers.

Pio­neer­ing work: From train­ing work­shop to appren­tice­ship workshop

From 1917 onwards, Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH increas­ing­ly relied on female work­ers to com­pen­sate for the short­age of skilled work­ers and to meet the ever-grow­ing demand for arma­ments. To this end, a train­ing work­shop was set up to pro­vide the new work­ers with the nec­es­sary spe­cial­ist knowl­edge as quick­ly as pos­si­ble. The train­ing work­shop pre­ced­ed the May­bach train­ing work­shop, which was found­ed in 1919 by Karl May­bach to coun­ter­act the short­age of skilled work­ers caused by the high loss of human life. Just like the inno­v­a­tive and pow­er­ful engines from May­bach, the train­ing work­shop also made pio­neer­ing his­to­ry. In 1921, just a few years after the First World War, it became the first voca­tion­al school in Württemberg.

In order to pro­vide female work­ers with the nec­es­sary spe­cial­ist knowl­edge, a train­ing work­shop was set up at Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH in 1917. Pho­to: Rolls-Royce Pow­er Sys­tems AG

Pho­to­graph of female work­ers at Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH from 1917. Pho­to: Rolls-Royce Pow­er Sys­tems AG

The increased demand for arma­ments dur­ing the war years led to a rapid increase in the num­ber of work­ers, both male and female, at Luft­fahrzeug-Motoren­bau GmbH. While there were 950 work­ers in 1915, a year lat­er the work­force had grown to almost 2,000 (includ­ing more than 400 women). On Novem­ber 10, 1918, the first day after the armistice between the Ger­man Empire and the West­ern pow­ers, May­bach-Motoren­bau employed around 3,601 salaried and blue-col­lar work­ers, includ­ing 763 women. This clear­ly shows how quick­ly the employ­ment rate of women at May­bach rose even exceed­ing today’s fig­ures. At around 21 per­cent, the pro­por­tion of female employ­ees at that time was high­er than at May­bach’s suc­ces­sor, Rolls-Royce Pow­er Sys­tems, which report­ed 17 per­cent female employ­ees for the entire group in 2023.

Although efforts were made after the war to roll back the eman­ci­pa­tion brought about by wom­en’s par­tic­i­pa­tion in the work­force, the role of women in soci­ety was fun­da­men­tal­ly reshaped in the 1920s. Under the slo­gan “The New Woman” a small group of well-edu­cat­ed women, most­ly from the upper mid­dle class or the nobil­i­ty, embraced new free­doms, whether through their pro­fes­sion­al lives or their leisure activ­i­ties. Of course, this advanced eman­ci­pa­tion ini­tial­ly remained an élite phe­nom­e­non that only a few women could afford. These women were not to be found in fac­to­ries, but most­ly worked as jour­nal­ists, writ­ers, or artists. How­ev­er, wom­en’s entry into the work­force in the 1920s would not have been pos­si­ble with­out the par­tial nor­mal­iza­tion of wom­en’s work dur­ing the war years. The lifestyle of the “New Woman” also had an impact beyond the edu­cat­ed elites. Many women mod­eled them­selves on the new image of women, espe­cial­ly in terms of fashion.

With the Nazi régime com­ing to pow­er in 1933, the ide­al of the work­ing, eman­ci­pat­ed woman dis­ap­peared, and women were once again expect­ed to be exclu­sive­ly house­wives and moth­ers. At the out­break of World War II, it was once again women who took over the work of men at the May­bach engine fac­to­ry. Com­pared to World War I, how­ev­er, the num­ber of female work­ers remained rel­a­tive­ly small. With 14.9 mil­lion peo­ple in employ­ment in Sep­tem­ber 1944, the pre-war lev­el was exceed­ed by only 300,000 women.

Eine Arbei­t­erin der May­bach-Motoren­bau GmbH bedi­ent 1942 eine Rundtis­chfräs­mas­chine. Foto: Rolls-Royce Pow­er Sys­tems AG

The employ­ment of women at May­bach and oth­er indus­tri­al com­pa­nies can cer­tain­ly be seen in part as an accel­er­a­tor for the eman­ci­pa­tion of women in the work­place. For the major­i­ty of the female pop­u­la­tion, how­ev­er, it remained a form of “eman­ci­pa­tion on loan” asso­ci­at­ed with great suf­fer­ing and depri­va­tion due to the war. Even more than a hun­dred years lat­er, the pro­por­tion of women in tech­ni­cal fields of study and pro­fes­sions shows that eman­ci­pa­tion is far from com­plete. Ini­tia­tives such as Girls‘ Day, when com­pa­nies invite school­girls to learn about careers in crafts, tech­nol­o­gy, math­e­mat­ics, nat­ur­al sci­ences, com­put­er sci­ence, and research, will there­fore con­tin­ue to be impor­tant in the future in order to achieve equal­i­ty and at the same time coun­ter­act the short­age of skilled workers.

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