
„Sag mir wo die Männer sind – zogen fort, der Krieg beginnt“ sang Marlene Dietrich 1962 in dem populären Antikriegslied von Pete Seeger. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg stellte die freiwillige Meldung bzw. massenhafte Einberufung von Arbeitern aus den Rüstungsbetrieben die Industrie vor die große Herausforderung des Fachkräftemangels. Von dieser Entwicklung war auch das ab 1912 in Friedrichshafen ansässige Unternehmen Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH (LMG), welches ab 1918 unter dem Namen Maybach-Motorenbau GmbH weltweite Bekanntheit erlangte, betroffen.
Anders als beispielsweise in der Textil- und Lebensmittelindustrie, waren Frauen seit der Industriellen Revolution in der Motorenindustrie nur sehr gering vertreten. Dort fand man sie höchstens in scheinbar „klassischen Frauenberufen“, beispielsweise als Sekretärinnen oder Kontoristinnen.
Ein besonders frühes Zeugnis aus den Beständen des Maybach-Schaudepots stellt eine Fotografie aus dem Jahr 1915 dar. Sie zeigt eine Gruppe leitender Werksangestellter vor der sogenannten Fertigmacherei der LMG, in deren Mitte sich eine Frau befindet. Bis dato kann über diese Person nur gemutmaßt werden, da es auf der Originalfotografie keine näheren schriftlichen Hinweise zu ihr gibt. Handelt es sich um eine Sekretärin, eine Kontoristin, oder vielleicht auch um eine der Ehefrauen der Abgebildeten?
Dem Unternehmen, das zum Beginn des Ersten Weltkrieges für das deutsche Militär den leistungsstarken Höhenmotor Mb IVa für den Luftschiffbau herstellte, fehlten immer mehr qualifizierte Facharbeiter. Weibliche Fabrikarbeiterinnen waren auch schon vor Kriegsausbruch keine Seltenheit. Die Umstellung auf die Rüstungsindustrie sorgte anfangs sogar für einen Anstieg der Arbeitslosigkeit unter weiblichen Arbeiterinnen. Neu war jedoch, dass Frauen nun die Arbeitsplätze von qualifizierten Metallarbeitern einnahmen.
Pionierarbeit: Von der Anlernwerkstatt zur Lehrwerkstatt
Die Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH setzte ab 1917 verstärkt auf weibliche Arbeiterinnen, um das Problem des Fachkräftemangels auszugleichen und der immer weiterwachsenden Nachfrage nach Rüstungsgütern zu begegnen. Hierzu wurde eine Anlernwerkstatt eingerichtet, um den neuen Arbeiterinnen so schnell wie möglich das nötige Fachwissen zu vermitteln. Die Anlernwerkstatt ging der 1919 gegründeten Maybach-Lehrwerkstatt voraus, die von Karl Maybach ins Leben gerufen wurde, um dem Fachkräftemangel, der durch die hohen Verluste an Menschenleben verursacht wurde, entgegenzuwirken. Ebenso wie die innovativen und leistungsstarken Motoren aus dem Hause Maybach, wurde auch mit der Lehrwerkstatt Pioniergeschichte geschrieben. Sie wurde nur wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg 1921 die erste Berufsschule Württembergs.


Der erhöhte Rüstungsbedarf während der Kriegsjahre sorgte für einen raschen Anstieg der Arbeiter und auch Arbeiterinnen in der Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH. Waren es 1915 noch 950 Arbeiter, war die Belegschaft ein Jahr später schon auf annähernd 2.000 Arbeiter (darunter mehr als 400 Frauen) angewachsen. Am 10. November 1918, dem ersten Tag nach dem Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und den Westmächten, beschäftigte der Maybach-Motorenbau rund 3.601 Angestellte und Arbeiter, unter ihnen 763 Frauen. Damit wird deutlich, in welch kurzer Zeit die Beschäftigungsquote von Frauen bei Maybach anstieg, die sogar die heutigen Zahlen noch übertrifft. So lag der Anteil weiblicher Beschäftigter mit rund 21 Prozent zu dieser Zeit höher als beim Maybach-Nachfolger Rolls-Royce Power Systems, der für das Jahr 2023 17 Prozent weibliche Beschäftigte für den Gesamtkonzern angab.
Obwohl man sich nach dem Krieg bemühte, die mit der Berufstätigkeit von Frauen eingeleitete Emanzipation zurückzunehmen, wurde die Rolle der Frau in der Gesellschaft in den 1920er Jahren grundsätzlich neugestaltet. Unter dem Schlagwort „Die Neue Frau“ nahm eine kleine Gruppe von gut ausgebildeten und meist aus dem Großbürgertum oder dem Adel stammenden Frauen neue Freiheiten an, sei es durch das Berufsleben, oder auch die Freizeitgestaltung. Natürlich blieb diese fortgeschrittene Emanzipation zunächst ein Elitenphänomen, das sich überhaupt nur einige Frauen leisten konnten. Diese Frauen waren nicht in den Fabriken zu finden, sondern arbeiteten meist als Journalistinnen, Schriftstellerinnen oder Künstlerinnen. Der Vorstoß von Frauen in die Erwerbstätigkeit in den 1920er Jahren wäre jedoch ohne die teilweise Normalisierung von Frauenarbeit während der Kriegsjahre nicht möglich gewesen. Der Lebensstil der „Neuen Frau“ wirkte auch jenseits der gebildeten Eliten. Viele Frauen orientierten sich besonders in modischer Hinsicht am neuen Frauenbild.
Mit der NS-Herrschaft ab 1933 verschwand das Ideal einer berufstätigen emanzipierten Frau, die nun ausschließlich wieder Hausfrau und Mutter sein sollte. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs waren es erneut Frauen, die die Arbeit der Männer in der Maybach-Motorenfabrik übernahmen. Verglichen mit dem Ersten Weltkrieg blieb die Anzahl der Arbeiterinnen jedoch verhältnismäßig gering. Mit 14,9 Millionen Erwerbstätigen im September 1944 wurde der Vorkriegsstand nur um 300.000 Frauen übertroffen.

Die Beschäftigung von Frauen bei Maybach und in anderen Industrieunternehmen kann sicherlich zum Teil als Beschleuniger für die Emanzipation von Frauen in der Arbeitswelt gesehen werden. Es blieb jedoch für eine Mehrheit der weiblichen Bevölkerung eine „Emanzipation auf Leihbasis“, die mit größtem kriegsbedingtem Leid und Entbehrungen verbunden waren.
Auch über hundert Jahre später zeigt der Anteil von Frauen in technischen Studienfächern und Berufen, dass die Emanzipation längst nicht abgeschlossen ist. Initiativen wie beispielsweise der Girls’ Day, an dem jedes Jahr Unternehmen Schülerinnen einladen, um Berufe aus den Bereichen Handwerk, Technik, Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Forschung kennenzulernen, werden daher auch in Zukunft wichtig sein, um Gleichberechtigung umzusetzen und gleichzeitig dem Fachkräftemangel zu begegnen.

“Where have all the young men gone – They are all in uniform,” sang Marlene Dietrich in 1962 in Pete Seeger’s popular anti-war song. In both the First and the Second World Wars, the voluntary enlistment and mass conscription of workers from armaments factories posed industry with the major challenge of a shortage of skilled labor. This development also affected Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH (LMG), a company based in Friedrichshafen since 1912, which gained worldwide renown under the name Maybach-Motorenbau GmbH from 1918 onwards.
Unlike in the textile and food industries, for example, women had been very poorly represented in the engine industry since the Industrial Revolution. At most, they were found in seemingly “traditional female occupations,” such as secretaries or clerks.
A particularly early example from the Maybach exhibition depot’s collection is a photograph from 1915. It shows a group of senior factory employees in front of the LMG’s so-called Fertigmacherei (assembly plant), with a woman in the middle. To date, we can only speculate about this person, as there are no detailed written references to her in the original photograph. Was she a secretary, a clerk, or perhaps one of the wives of those pictured?
The company, which manufactured the powerful Mb IVa high-altitude engine for airship construction for the German military at the beginning of World War I, was increasingly lacking qualified skilled workers. Female factory workers were not uncommon even before the outbreak of war. The switch to the arms industry initially even led to an increase in unemployment among female workers. What was new, however, was that women were now taking the jobs of skilled metalworkers.
Pioneering work: From training workshop to apprenticeship workshop
From 1917 onwards, Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH increasingly relied on female workers to compensate for the shortage of skilled workers and to meet the ever-growing demand for armaments. To this end, a training workshop was set up to provide the new workers with the necessary specialist knowledge as quickly as possible. The training workshop preceded the Maybach training workshop, which was founded in 1919 by Karl Maybach to counteract the shortage of skilled workers caused by the high loss of human life. Just like the innovative and powerful engines from Maybach, the training workshop also made pioneering history. In 1921, just a few years after the First World War, it became the first vocational school in Württemberg.


The increased demand for armaments during the war years led to a rapid increase in the number of workers, both male and female, at Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH. While there were 950 workers in 1915, a year later the workforce had grown to almost 2,000 (including more than 400 women). On November 10, 1918, the first day after the armistice between the German Empire and the Western powers, Maybach-Motorenbau employed around 3,601 salaried and blue-collar workers, including 763 women. This clearly shows how quickly the employment rate of women at Maybach rose even exceeding today’s figures. At around 21 percent, the proportion of female employees at that time was higher than at Maybach’s successor, Rolls-Royce Power Systems, which reported 17 percent female employees for the entire group in 2023.
Although efforts were made after the war to roll back the emancipation brought about by women’s participation in the workforce, the role of women in society was fundamentally reshaped in the 1920s. Under the slogan “The New Woman” a small group of well-educated women, mostly from the upper middle class or the nobility, embraced new freedoms, whether through their professional lives or their leisure activities. Of course, this advanced emancipation initially remained an élite phenomenon that only a few women could afford. These women were not to be found in factories, but mostly worked as journalists, writers, or artists. However, women’s entry into the workforce in the 1920s would not have been possible without the partial normalization of women’s work during the war years. The lifestyle of the “New Woman” also had an impact beyond the educated elites. Many women modeled themselves on the new image of women, especially in terms of fashion.
With the Nazi régime coming to power in 1933, the ideal of the working, emancipated woman disappeared, and women were once again expected to be exclusively housewives and mothers. At the outbreak of World War II, it was once again women who took over the work of men at the Maybach engine factory. Compared to World War I, however, the number of female workers remained relatively small. With 14.9 million people in employment in September 1944, the pre-war level was exceeded by only 300,000 women.

The employment of women at Maybach and other industrial companies can certainly be seen in part as an accelerator for the emancipation of women in the workplace. For the majority of the female population, however, it remained a form of “emancipation on loan” associated with great suffering and deprivation due to the war. Even more than a hundred years later, the proportion of women in technical fields of study and professions shows that emancipation is far from complete. Initiatives such as Girls‘ Day, when companies invite schoolgirls to learn about careers in crafts, technology, mathematics, natural sciences, computer science, and research, will therefore continue to be important in the future in order to achieve equality and at the same time counteract the shortage of skilled workers.
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